Büro- & Geschäftshaus Spaldingstraße 77-79/81, Hamburg
Eingeladener städtebaulich-hochbaulicher Architekturwettbewerb, 2. Platz
Standort: Spaldingstraße 77-79/81, Hamburg
Auslober: May & Co. OFF Spalding 77 GmbH
Größe: ~35.000 m² BGF
Nutzung: Büro, Gewerbe, Gastronomie
Fachplaner: POLA Landschaftsarchitekten, KFP Ingenieure, PI Ingenieure, Argus Verkehrsplanung, bloomimages
Stadt und Haus
Zwischen der breiten Bahntrasse, die Hamburg in Richtung Osten verlässt, und der Spaldingstraße, welche insbesondere Pendlern als Einfallsweg in die Stadt dient, liegt das Grundstück in einer Art „Zeittunnel“.
Welche Qualitäten bieten sich an einem solchen Ort?
Während wir den Sockel des Hauses als eine durchgängige, zweigeschossige Vitrine entwickeln, die in ihrer Länge einen intensiven Bezug zum vorbeibrandenden Verkehr aufnimmt und dabei die Verbreiterung des Straßenraumes nutzt, organisieren sich die oberen Geschosse des Hauses um drei Halbhöfe, die sich nach Süden öffnen. Der ruhende Verkehr ist im Untergeschoss sowie im Rücken des Hauses am Bahnviadukt untergebracht. Die einseitige Orientierung des Grundstücks und seine vergleichsweise geringen Tiefe werden vom Hindernis zur Chance. Drei Gartenhöfe sind vom Lärm der Bahn abgeschirmt und von dem der Straße durch einen „Filter“ geschützt. (Akustik: Müller BBM) So wird es möglich, am überwiegenden Teil der Büroarbeitsplätze die Fenster zu öffnen. Dies bedeutet nicht nur Lebens- und Arbeitsplatzqualität, sondern lässt auch die Rufe nach Vollklimatisierung verstummen und es entsteht eine nachbarschaftliche Verbindung der Büroeinheiten sowohl vertikal als auch horizontal. Als einen Filter verstehen wir eine Raumschicht, die neben Photovoltaikelemente eine Schalschutzverglasung trägt, die Höfe gegen den Straßenlärm abschirmt, sowie den Sonnenschutz für die Gärten, aber auch Loggien aufnimmt. Wie eine große Sonnenschutzlamelle filtert er nicht nur den Schall, sondern auch das Licht und schafft so eine besondere Stimmung in den Gärten. Die „Ruppigkeit“, dieses Ortes ist von sehr einfach gemachten Bauten in der unmittelbaren Umgebung geprägt. Wir glauben nicht an den Versuch diesem durch vermeintlich „anspruchsvolle“ Architektur mit hochwertigen Fassadenmaterialien entgegen treten zu können. Vielmehr sind wir der Auffassung, dass es zu zeigen gilt, mit einfachen Mitteln und Materialien hohen Nutzungskomfort und interessante Räume zu schaffen.
Nutzungsverteilung
Die zweigeschossige Vitrine begleitet über 140m den großstädtisch wirkenden Raum der Spaldingstraße und wird damit zu einem selbstbewussten Element einer „Strip Architecture“, welche angemessen auf den vorbeibrandenden Verkehr reagiert. Das robuste Tragwerk aus Betonfertigteilen erlaubt eine flexible Nutzung und Teilung der Fläche und die Möglichkeit eine Zwischenebenen einzustellen. Die darüber liegenden acht Bürogeschosse gruppieren sich um drei Gartenhöfe, welche über 4 Sicherheitstreppenhäuser erschlossen werden und flexibel teilbar sind. Der Rücken entlang der Bahn ist mit 13m bewusst schmal gehalten und eignet sich gut für Zellenbüros,
während in den 4 Flügel an der Spaldingstraße mit 18m Tiefe eine Vielzahl von Bürokonzepten denkbar sind. Die Geschosshöhe von 3,70m bietet ausreichend Raumvolumen sowie Platz für Konstruktion und Technik. Diese erhöht die Flexibilität, in der Folge die Lebensdauer und somit die Nachhaltigkeit des Hauses. Das Layout der Häuser ist so gewählt, dass sich das Konzept auch ohne das Grundstück Nr. 81 mit 2 Gartenhöfen umsetzten lässt. Eine zukünftige Nutzung dieser Geschosse als Wohnungen ist denkbar und nachgewiesen. Der ruhende Verkehr (Argus) ist mit 170 Stellplätzen in einem UG und auf drei oberirdischen Decks im Rücken des Hauses entlang der Bahn untergebracht. Die zentrale Rampenanlage, Ein- und Ausfahrt können beiderseits im Westen liegen. Dabei wird der Gegenverkehr über
eine Signalanlage geregelt. Die oberen Geschosse werden an Nutzer des Hauses fest vermietet. Besucher nutzen das UG. Fahrradstellplätze
liegen im EG entlang der Bahn.
Fassaden
Der Filter aus einer verzinkten Stahlkonstruktion trägt neben Photovoltaikelementen eine Schalschutzverglasung sowie einen Sonnenschutz für die Gärten. Einfache Treppen verbinden die Ebenen untereinander und erzeugen zusätzlich Lebendigkeit in den drei Gartenhöfen. So entsteht Leichtigkeit, Tiefe, Plastizität und Lebendigkeit. Die PV-Elemente bilden eine zusätzliche Verschattung. Aus Brandschutzgründen ist für diese ein Abweichungsantrag erforderlich. Die Fassaden in den Gartenhöfen sind bodentief und als französische Balkone mit außenliegender Absturzsicherung ausgebildet. Der Sonnenschutz für die Höfe liegt hinter der Schallschutzverglasung und spannt über die Kurzseite der Höfe. Dadurch wird für die Büros ein innenliegender Blendschutz ausreichend. Korrespondierend zu den Höfen nehmen drei leicht versetzte Baukörper den Schwung des Bahnviaduktes auf. Der Versatz wird durch eine
Höhenstaffelung der Körper akzentuiert. In ihrer formalen Ausbildung und „Kopplung“ lassen diese Bilder von blechverkleideten Zugwagons anklingen. Um der hohen Verschmutzung an der Bahn entgegenzuwirken ist die Fassade vertikal mit geringen Vor- und Rücksprüngen konzipiert. Der Sonnenschutz kann bei der gegebenen Ausrichtung als innenliegend (Vorhänge) ausgebildet werden. (Bauphysik: KSP Ingenieure) Entlang der Spaldingstraße liegen vier Dachgärten. Die höhergelegenen Dächer werden für PV genutzt. Sowohl für die Ausbildung der Schallschutzverglasung, als auch für die Fassadebleche ist ein Rückgriff auf vorhandene Materialien im Sinne des zirkulären Bauens denkbar.
Freianlagen (POLA Landschaftsarchitekten)
“New Kids on the Block”
Städtische Magistralen sind Brennspiegel der kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Diversität einer Stadt. Beim Flanieren, Ankommen und Abfahren durch die Straßen begegnet man einer bunten Mischung von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Altersgruppen und sozialer Schichten. Gleiches sollte auch für die Flora und Fauna – im Sinne einer gesunden und stadtklimatisch stabilen Biodiversität gelten. Biodiversität bezieht sich auf die Vielfalt lebender Organismen in einem bestimmten Ökosystem, die entscheidend ist für die Stabilität und Resilienz dessen. Unsere bewusste Berücksichtigung der Bedürfnisse von Mensch und Tier in den Gärten schafft atmosphärische Lebensräume, die zur Förderung von Pflanzenwachstum, der Schaffung von Nistplätzen, der Integration von natürlichen Bewegungspfaden von Tieren, der Bindung von CO2 oder einer messbaren, physischen Erholung beitragen. Eine plakative Fernwirkung der Pflanzen ist dabei ebenso wichtig wie die detailreiche Betrachtung aus der Nähe. Mit der Verwendung vieler verschiedener Stauden sowie Insekten- und Vogelnährgehölze entsteht ein abwechslungsreiches Habitat, welches durch den Einsatz standortgerechter Pflanzen eine langlebige und artenreiche Flora und Fauna verspricht. Auf Grund der geschützten und südausgerichteten Lage sind in den drei Gärten auch wärmebedürftigere, exotische Pflanzen, wie zum Beispiel die Hanfpalme, möglich. In der Baum- und Strauchschicht sowie bei der Unterpflanzung werden durch unterschiedliche Blattformen, Blatttexturen und Blattgrößen spannungsreiche Kontraste und geschützte Lebensräume gebildet. Die drei Höfe sind Oasen die stadtklimatischen, ästhetischen, regenerativen und
biodiversen Ansprüchen einer heutigen, klimaresilienten Stadtgesellschaft gerecht werden.
Leitarten Gehölze: Hanfpalme – Trachycarpus fortunei, Großblättrige Magnolie – Magnolia macrophylla,, Sommer-Magnolie – Magnolia
sieboldii , Schirm-Magnolie – Magnolia tripetala, Honoki, Magnolie – Magnolia hypoleuca, Japanische Aralie – Aralia elata, Indianerbanane –
Asimina, triloba, Trompetenbaum – Catalpa bignonioides, Papiermaulbeerbaum – Broussonetia papyrifera
Leitarten Unterpflanzung: Osmunda regalis – Königsfarn, Rodgersia aesculifolia – Kastanienblättriges Schaublatt, Darmera peltata –
Schildblatt, Euphorbia amygdaloides ssp. robbiae – Balkan-Wolfsmilch, Kniphofia Hybride ‚Ice Queen‘ – Weiße Fackellilie, Hosta in Sorten – Funkie
Eine automatische Bewässerung und die Möglichkeit der Durchlüftung der Gärten durch temporäres Aufklappen der Schallschutzverglasung wird berücksichtigt.
Tragwerk (KFP Ingenieure)
Die Bürogeschosse sind als Holzverbundkonstruktion konzipiert, was ausreichende Spannweiten und entsprechend flexible Grundrisse ermöglicht. Aus brandschutzgründen ist im Hochhaus dafür ein Abweichungsantrag zu stellen. Wenn unterseitig Holz sichtbar sein soll, kann eine Kompensation z.B. eine Sprinklerung sein. Die Stützen könnten in den oberen Regelgeschossen ebenfalls in Holz ausgeführt werden. Der vorgelagerte Filter wird als leichte, verzinkte Stahlkonstruktion mit Trapezblechdecken und Aufbeton ausgeführt.
Die „Vitrine“ entlang der Spaldingstraße wird aus großmaßstäblichen Betonfertigteilen konstruiert und dient als Auflager der darüber aufgehenden Bürogeschosse. Im Bereich der Höfe werden die Bereiche zwischen den Trägern als Wanne ausgebildet, um so Platz für den
erforderlichen Substrataufbau zu bieten. Der mögliche Einbau einer (teilweisen) 2. Ebene ist flexibel und erfolgt nach Bedarf der Mieter.
Die drei Parkdecks sind als Flachdecken auf Betonstützen konzipiert. Im Untergeschoss sollte im Zusammenhang mit dem Grundwasserstand geprüft werden, ob die Sohle gepflastert werden kann um so auf die Kosten- und CO2-intensive WU- Sohle zu verzichten.
Gebäudetechnik (PI Ingenieure)
Die enge Abstimmung zwischen Architektur, Bauphysik und Technische Gebäudeausrüstung ist die Voraussetzung für ein modernes, energieeffizientes und nachhaltiges Gebäude. Alle technischen Systeme werden mit dem Ziel höchster Flexibilität und Drittverwendungsfähigkeit konfiguriert (Achsbezogene Installation, leichte Nachinstallationsmöglichkeiten, flexible Anschlusssituationen).
Trinkwasser Reduzierung des Trinkwasserverbrauches durch wassersparende Armaturen und/oder durch Reduzierung der Durchflussraten, Minimierung der Wassermenge bei Urinalen. Grauwassernutzung für WC mit Regenwasser der Dach- und Terrassenflächen (gesammelt und gereinigt und für die Spülung verwendet). Bewässerung der Grünflächen und Pflanzen Regenwasser über Wasserretentionsboxen auf den Dachflächen.
Wärmerückgewinnung
Lüftungsanlagen mit Wärmetauscher-Systemen. Rückgewinnung der Abwärme insbesondere aus IT. Rückgewinnung der Abwasserwärme im Gebäude und aus dem Hauptstraßen-Siel über Wärmepumpen.
Niedertemperatur
Einsatz von Niedertemperatursystem über Wärmepumpen oder Fernwärme: Wärme, aber auch die Kühlung werden großflächig über
Decken-, Wand- oder Fußbodenflächen, oder vom Baukörper unabhängige Heiz-Kühlsegel in die Räume eingebracht.
Energieerfassung/Energiekosten
Alle Energieströme im Gebäude werden erfasst und ausgewertet. Verbrauchskosten werden optimiert, Defekte oder Fehler frühzeitig
erkannt. Einsatz von Langzeit-Daten-Speichern als Basis eines intelligenten Energiemonitoring über mehrere Jahre. Abschaltung von Heizung und Kühlung über Fensterkontakte mit gleichzeitiger Überwachung offener Fenster außerhalb der Betriebszeiten über die GLT. Weiterhin wird, wo es technisch möglich ist, auf die Nutzung der freien Kühlung zurückgegriffen.
Work Place Management (WPM)
Durch Erfassung der Personenströme und des Nutzerverhaltens kann die WPM über die Arbeitsplatzzuweisung Raumqualitäten für den Nutzer vorkonditionieren. Das Gebäude wird dabei von der Eingangstür bis zum Schreibtisch voll digitalisiert ausgeführt. Jeder Arbeitnehmer bucht seinen Arbeitsplatz vor Arbeitsbeginn. Das System optimiert die Raumbelegung so, dass im besten Fall ganze Bereiche nicht • beleuchtet • geheizt • gekühlt • gereinigt werden müssen. Die Ressourcen werden geschont, die Zeiten für die Reinigung werden optimiert, die Raumbeheizung und Raumkühlung wird den Buchungszeiten angepasst.
Mechanische Lüftung
Durch die schallgeschützten Innenhöfe wird ein Höchstmaß von natürlicher Lüftung für die Büroflächen ermöglich. Die mechanischen Lüftungsanlagen werden auf den Bedarf angepasst und mit Wärmerückgewinnungssystemen ausgestattet. Dies erfolgt durch Luftqualitätsfühler in den Räumen, Anwesenheitssensorik sowie durch die Definition der Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Durch den Einsatz mehrerer kleiner Anlagen, reduzieren sich die Energieverluste gegenüber großen Zentralanlagen erheblich. Diese lassen sich besser auf das Nutzerverhalten abstimmen. In Verbindung mit den Niedertemperatursystemen führt es zu einer Optimierung der
Betriebskosten und Vereinfachungen in der Gebäudesteuerung.
Licht- und Sonneschutzsteuerung
Für die LED-Beleuchtung wird eine Lichtsteuerung eingesetzt, die über Präsenz- und Helligkeitssensorik dem Nutzerverhalten optimiert angepasst wird. In Zusammenhang mit einer intelligenten Sonnenschutzsteuerung kann somit der Energieverbrauch des Gebäudes reduziert werden. Der Sonnenschutz wird über die zentrale Steuereinheit entsprechend der Fassadenausrichtung Zentral am Morgen geschlossen, um so den Wärmeintrag zu minimieren. Weiterhin wird über den Sonnenstand (Azimut) der Sonnenschutz ohne Nutzereingriff nachgesteuert.
Gebäudeautomation /-Steuerung
Vorgenannte Systeme werden über die Gebäudeautomation einerseits dezentral je Miet-/Nutzungseinheit gesteuert. Anderseits wird die
zur Verfügung stehende Energie optimiert in den erforderlichen Bereichen eingesetzt. Durch eine dezentrale kleinteilige, aber gleichartige Segmentierung der Gebäudetechnik entsteht ein hoher Wiederholungsfaktor bei der Programmierung der Schnittstellen.
Anpassungsfähigkeit
Vorhalten von Platzreserven für Komponenten der Anlagentechnik. Frühzeitige Planung von Zugänglichkeiten und Revisionsöffnungen
sowie Sondernutzungen, wie z.B. größere Telekommunikationsräume.
WiredScore Gold
Die Standards des Projektes für eine Zertifiziere sind frühzeitig festzulegen. Themen sind hierfür u. A.: Mobilfunkqualität (In-house); Gesichertes Telekommunikationsequipment, Steigeschächten und Räume; Ausreichende Trassenbreite; Netzersatzstromversorgung für Telekommunikationsequipment; Flächenvorhaltung für mietereigene Netzersatzstromversorgung















